Whippet & Bully-Whippet - Rasse, Herkunft und Sozialverhalten
„Ui, der rennt aber schnell“, sagt die französische Bulldogge. „Schon“, lacht der Foxterrier, „aber gleich vor dem Zaun muss er abbremsen. Kann nämlich nicht springen.“
Der Whippet ist ein besonderer Hund – und das nicht nur aufgrund seines Äußeren. Er ist nicht einfach nur ein kleiner Speedy (bis zu 60 km/h), sondern ein Hund, der in Extreme kippt.
Ein Hund aus der Arbeiterklasse
Der Whippet stammt aus England und wurde von Arbeitern im 18. und 19. Jahrhundert gezüchtet. Da sie sich keine Pferde leisten konnten, entstand das „Rennpferd des kleinen Mannes“.
Gezüchtet für Rennen und Kaninchenjagd – also für den Moment: sehen, reagieren, sprinten.
Und diese Hunde kamen mit nach Hause. Deshalb ist der Whippet drinnen oft ruhig, anhänglich und unauffällig – und draußen: Huch, weg ist er.
Aber immer nur für einen Moment. Diese Kombination ist kein Zufall, sondern Teil seiner Zucht: kurze maximale Aktivität, lange Ruhephasen.
Warum er draußen plötzlich „weg“ ist
Der Whippet ist ein Sichtjäger. Er reagiert nicht langsam – sondern sofort auf Bewegung.
Während andere Hunde noch wahrnehmen, ist er längst im Sprint. Das wird oft als „nicht hören“ interpretiert. Ist es aber nicht.
Warum Hunde überhaupt fixieren und wie daraus Bewegung entsteht, wird hier genauer erklärt: Warum Hunde andere Hunde fixieren
Warum Druck hier alles schlimmer macht
Der Whippet ist ein sensibler Hund. Zug am Hals oder harte Korrekturen führen selten zu Kontrolle – sondern zu Unsicherheit oder Rückzug.
Was dabei körperlich passiert, wird oft unterschätzt: Warum Zug am Hals mehr auslöst, als viele denken
Beispiel aus der Praxis
Im folgenden Video sieht man einen Hund, der stark auf Reize im Außen reagiert.
Gerade Hunde, die ihre Umwelt intensiv scannen, geraten schnell in einen Zustand erhöhter Wachheit. Zug am Hals kann diesen Zustand zusätzlich verstärken.
In diesem Fall sieht man einen Malinois, der bei Reizen stark nach vorne geht. Über die Vorderführung verändert sich die Situation: Der Hund wird leichter führbar und orientiert sich wieder an seiner Halterin.
Der Unterschied wird besonders deutlich im Vergleich zu anderen Jagdhunden: Ein Beagle arbeitet über Geruch und Ausdauer – der Whippet über Sicht und Geschwindigkeit.
Dass Hunde äußerlich ruhig wirken können, innerlich aber angespannt sind, wird hier erklärt: Warum ein Hund ruhig läuft, aber innerlich angespannt ist
Sozialverhalten
Drinnen und draußen – zwei Welten
Der Whippet ist ein Kurzstrecken-Sprinter. Er will rennen – oder liegen. Dazwischen gibt es nicht viel.
Zuhause ist er anhänglich, sucht Nähe und liegt oft unter der Decke. Er ist bekannt als die Wärmeflasche unter den Hunden.
Was viele nicht wissen: Der Bully Whippet
Es gibt Whippets, die sehen plötzlich aus wie ein komplett anderer Hund.
Breiter Kopf. Massiver Körper. Muskeln, die man bei dieser Rasse eigentlich nicht erwartet.
Viele denken dann: falsche Rasse, Mischung, „da ist was anderes drin“.
Ist es aber nicht.
Der sogenannte Bully Whippet entsteht durch eine Veränderung im Myostatin-Gen – einem Gen, das normalerweise das Muskelwachstum reguliert.
Fällt diese Regulation weg, baut der Körper deutlich mehr Muskulatur auf als vorgesehen.

Und plötzlich steht da ein Hund, der aussieht wie ein kleiner Bodybuilder – aber genetisch ein ganz normaler Whippet ist.
Und jetzt wird es interessant:
Diese Hunde sind nicht leistungsfähiger.
Im Gegenteil – sie sind oft langsamer.
Während Whippets für Geschwindigkeit und Leichtigkeit gezüchtet wurden, bringt zu viel Muskelmasse genau das Gegenteil: mehr Gewicht, weniger Effizienz.
Das, was „stark“ aussieht, ist funktional oft ein Nachteil.
Und genau daran sieht man etwas, das man beim Whippet besonders gut versteht:
Diese Rasse ist extrem fein abgestimmt.
Kleine Veränderungen haben große Auswirkungen.
Nicht nur auf den Körper – sondern auch auf Verhalten.
FAQ
Warum reagiert mein Whippet draußen so plötzlich?
Weil er ein Sichtjäger ist. Bewegung wird nicht langsam verarbeitet, sondern löst unmittelbar Verhalten aus. Während andere Hunde noch wahrnehmen, ist er längst im Sprint – das wirkt wie „nicht hören“, ist aber reine Reaktionsgeschwindigkeit.
Ist der Whippet schwer zu erziehen?
Nicht im klassischen Sinne – aber er funktioniert anders. Er lässt sich nicht über ständige Wiederholung oder Druck formen, sondern reagiert stark auf Timing und Umgebung. Viele Probleme entstehen, weil man versucht, ihn wie einen „normalen“ Hund zu behandeln.
Warum funktioniert Druck oder Leinenruck bei ihm nicht?
Weil er sensibel ist und körperlicher Druck seine Wachheit eher erhöht als reduziert. Statt Orientierung entsteht oft noch mehr Fokus auf den Reiz – der Hund geht also innerlich weiter nach außen, statt sich am Menschen auszurichten.
Kann man einen Whippet zuverlässig ableinen?
Nur bedingt. Sein Sichtjagdtrieb bleibt ein Leben lang vorhanden. In reizarmen Umgebungen kann es gut funktionieren – in Bewegungssituationen (Wild, rennende Hunde) wird es schnell schwierig, weil die Reaktion schneller ist als jedes Signal.
Ist der Whippet sozial mit anderen Hunden?
In der Regel ja. Er ist wenig konfliktorientiert und oft freundlich. Gleichzeitig können seine abrupten Bewegungen andere Hunde irritieren, weil sie schwer einschätzbar sind.
Warum wirkt mein Whippet manchmal ruhig, ist aber plötzlich „drin“?
Weil viel Verhalten innerlich vorbereitet wird. Ein Hund kann äußerlich ruhig laufen und gleichzeitig hoch fokussiert sein. Wenn der Reiz stark genug ist, kippt das System innerhalb von Sekunden in Bewegung.
Wie lastet man einen Whippet richtig aus?
Nicht über Dauerbeschäftigung. Der Whippet braucht keine permanente Aufgabe, sondern gezielte Bewegung. Kurze Sprints entsprechen seinem System deutlich mehr als lange Beschäftigung oder ständiges Training.
Ist der Whippet ein guter Familienhund?
Ja – besonders im Alltag. Zuhause ist er ruhig, anhänglich und sucht Nähe. Viele beschreiben ihn als extrem angenehm im Zusammenleben, solange man draußen seine Eigenschaften berücksichtigt.
Warum zwicken Windhunde manchmal andere Hunde?
Sie arbeiten über Bewegung. Im Spiel kann das dazu führen, dass sie Tempo beeinflussen oder andere Hunde „lenken“. Das ist kein Angriff, wird aber von anderen Hunden nicht immer richtig verstanden.
Was ist ein Bully Whippet genau?
Ein Whippet mit einer genetischen Veränderung im Myostatin-Gen. Dadurch wächst deutlich mehr Muskulatur als üblich. Diese Hunde wirken extrem kräftig, sind aber oft weniger schnell als normale Whippets.
Sind Bully Whippets gesünder oder stärker?
Optisch wirken sie kräftiger, funktional ist das aber kein Vorteil. Die zusätzliche Muskulatur verändert die ursprüngliche Balance der Rasse – und kann sogar zu geringerer Leistungsfähigkeit führen.
Woran erkennt man einen echten Bully Whippet?
An der extremen Muskulatur bei gleichzeitig typischem Whippet-Kopf und -Verhalten. Viele werden fälschlicherweise für Mischlinge gehalten, sind aber genetisch reinrassige Whippets.
Weiterführende Inhalte
Im Abonnementbereich der Facebook-Seite erscheinen regelmäßig ausführlichere Beiträge zu Verhalten, Lernprozessen und Biologie des Hundes.
Für individuelle Situationen steht außerdem die systemische Analyse der Mensch-Hund-Interaktion zur Verfügung. Dabei werden Dynamiken zwischen Hund, Mensch und Umwelt eingeordnet und mögliche Veränderungen im Alltag besprochen.