Warum dein Hund an lockerer Leine trotzdem zieht

Viele Halter kennen diese Situation: Die Leine hängt locker, es ist kein spürbarer Zug vorhanden – und trotzdem zieht der Hund nach vorne. Das wirkt widersprüchlich und sorgt oft für Verunsicherung.

Schließlich gilt eine lockere Leine als Ziel. Wenn sie locker ist, müsste das Problem gelöst sein. In der Praxis zeigt sich jedoch: Auch bei lockerer Leine kann Ziehen entstehen.

Der Grund dafür liegt darin, dass Spannung nicht erst dort entsteht, wo die Leine straff wird. Sie entsteht früher.

Warum eine lockere Leine keine spannungsfreie Bewegung bedeutet

Die Leine ist nur ein sichtbarer Teil des Systems. Sie zeigt an, ob Zug vorhanden ist – nicht, ob Bewegung ruhig und orientiert stattfindet.

Ein Hund kann sich bereits stark nach vorne orientieren, beschleunigen oder innerlich auf Zug stehen, während die Leine noch locker durchhängt. Die Spannung entsteht in diesem Moment nicht im Material, sondern im Bewegungsimpuls des Hundes.

Entscheidend ist dabei nicht der Kontakt zur Leine, sondern die Richtung, in die sich der Hund bewegt. Zieht der Hund gedanklich und körperlich nach vorne, entsteht ein Vorwärtsdrang – auch ohne direkten Zug.

Warum Ziehen oft erst verzögert sichtbar wird

In vielen Situationen baut sich Spannung schrittweise auf. Der Hund orientiert sich nach vorne, die Bewegung wird schneller, die Erwartung steigt. Die Leine bleibt zunächst locker, weil der Mensch noch mitgeht oder das Tempo hält.

Erst wenn diese Bewegung begrenzt wird – etwa durch Anhalten, Richtungswechsel oder äußere Einflüsse – wird die zuvor aufgebaute Spannung sichtbar. Dann entsteht der Zug, der als Ziehen wahrgenommen wird.

Das Ziehen ist in diesem Fall nicht der Beginn des Problems, sondern dessen sichtbares Ergebnis.

Warum Korrekturen an der Leine hier nicht greifen

Wird Ziehen erst dann korrigiert, wenn die Leine straff wird, greift die Reaktion zu spät. Die eigentliche Spannung ist zu diesem Zeitpunkt bereits vorhanden.

Der Hund reagiert nicht auf die Leine, sondern auf die Einschränkung seiner Bewegung. Korrekturen verändern diesen Zusammenhang nicht, sondern erhöhen häufig die Aktivierung.

Dadurch entsteht ein Kreislauf: mehr Erwartung, mehr innere Spannung, schnellerer Bewegungsdrang – unabhängig davon, wie locker die Leine zwischendurch erscheint.

Was stattdessen entscheidend ist

Für eine ruhige Bewegung ist nicht entscheidend, ob die Leine locker hängt, sondern wie Bewegung geführt wird. Position, Bewegungsrichtung und Tempo bestimmen, ob Spannung entsteht oder gar nicht erst aufgebaut wird.

Eine lockere Leine ist dabei kein Ziel, sondern ein Ergebnis. Sie entsteht dann, wenn Bewegung nicht gegen innere Spannung begrenzt werden muss.

Warum Leinenziehen grundsätzlich keine Erziehungsfrage ist, sondern aus Reiz, Erwartung und Spannung entsteht, erklären wir hier:
Warum Leinenziehen (nicht immer) ein Erziehungsproblem ist